
And morning comes, like it almost always does
19. März 2011Zurück ins reale Leben. Oder überhaupt erstmal rein? Arbeit nervt, darüber sind wir uns ja schon lange im Klaren. Bedingslos Auskommen durch bedingungsloses Einkommen. Das wäre angebracht und wohl auch möglich. Unsere Produktivität ist wohl hoch genug um mal kräftig einen Gang runterzuschalten und einige Gänge zur allmorgendlichen Stechuhr ausfallen zu lassen. Mal sehen wann wir und der Rest der Welt dafür bereit ist. Um nicht auf den Segen unserer Gesellschaft warten zu müssen, kann man ja auch selbst mal sagen: Ende im Gelände, Schluss im Bus und raus ausm Haus. Oder so ähnlich. Wichtig ist nur, eine Entscheidung zu treffen, dem Feuer in die Augen zu schauen, nicht bloß den Schatten zu sehen, auch mal aus der Höhle raus zu klettern. Eben zurück ins reale, selbstbestimmte Leben.
Und so kommt es, dass man dann auch mal zehn Stunden am Stück zwischen Budnikowski, Starbucks und dem örtlich Kleinbäcker rumsteht und in neongelber Daunenjacke versucht die Gelben Seiten und das altvertraute Telefonbuch an den Hamburger Kleinbürger zu bringen. Man mag sich echauffieren über den vermeindlichen Abstieg von einer entspannten und mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Beraterbude hinab zum knallharten Betonboden des nasskalten und in leuchtgelb getunkten Maria-Jonas-Platz. Man kann diesen soziökonomischen Touchdown aber auch nutzen um in die Welt anderer einzutreten und damit die eigene durch eine unkontrollierte Horizontverschiebung ein ganzes Stück zu erweitern.
Nun, was es mir bringt wenn ein 1968 nach Deutschland emmigrierter Pole erzählt, wie sie ihn zusammen mit anderen Studenten nach den gewerkschaftlichen Protesten Ende der 60er ausm Land schmissen, was er über uns, seine und unsere Heimat denkt? Was es mir nützt wenn er mir berichtet wie er vor einem Jahr wegen Krebs plötzlich Querschnittsgelähmt war, nie Schmerzen hatte und jetzt schon wieder langsam laufen kann? Jeder kann sich wohl aussuchen, was er aus solchen Geschichten lernt, für sich mitnimmt. Und wenn es bloß reine Unterhaltung während einer langweiligen Arbeit ist.
Man mag kaum glauben was diese gelbe Jacke für eine Wirkung hat. Vertrauen ist gar kein Ausdruck. Die Menschen bleiben stehen, erzählen, erzählen und hören zu. So wie Cecilia, eine 67jährige semi-alternative schwedische Staatswissenschaftlerin, die mir aus ihrem Leben, von ihrer Arbeit im Konsulat, der schwedischen Naturnase vorschwärmt und einfach nur herrlich ist. Nach 30 Minuten, ihrer Telefonnummer und einer Einladung zu nem Kaffee wann auch immer fuhr sie dann weiter. Oder Brigitte, gleiches Alter, die vor, mitten im und kurz nach ihrem Supermarkteinkauf bei mir vorbeikommt, mir von ihrer Jugendliebe erzählt, wie er sich nicht traute das scheiß Studium hinzuschmeißen und was zu machen was ihn faszinierte. Genau die Brigitte, die mal direkt in den Starbucks nebenan rennt, wieder rauskommt und mir nen halben Liter grünen Tee in die Hand drückt und dann weiter zieht. Das Leben ist schon seltsam, seltsam komisch. Besonders in neongelb auf dem Maria-Jonas-Platz. Ich meine, wann hab ich schon mal kurz hintereinander von zwei Frauen über 65 eine Telefonnummer bekommen?
Zwischen den Bordsteinen der Hamburger Straßen trifft man also auch dieses Leben, vollgestopft mit skurilen Persönlichkeiten, mit Menschen die ironischerweise alle eine Message hatte: Junge, tu das was du für richtig hältst, und es wird für dich das Richtige sein. Nun frage ich mich, ob es ein Zufall ist, dass all diese Menschen, die mich an diesem Tag mit Botschaften einhüllten und für kurze Zeit in mein Leben traten, allein leben und niemanden zuhause haben, denen ihre Geschichten begeistern können? Sind sie wirklich so glücklich wie sie scheinen und sich geben? Ich kann es wohl kaum beurteilen und sollte mich wohl auch nicht allzu weit aus meiner Realität rauswagen. War ich doch gerade erst aus der Beraterposition geflüchtet.
Und wie geht’s nun weiter? Was soll das alles? Keine Ahnung. Außer vielleicht: nicht verzagen, sondern sich der Realitätspoesie der Cold War Kids hingeben und immer im Hinterkopf haben: Morning comes, like it almost always does! Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen.


