Archive for the ‘Poesie’ Category

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20ölf, und jetzt?

31. Dezember 2010

Als ich heute einem Mann mit dunkelblauer Gehhilfe durch ein Gebirge aus Eis, Schnee, Split und Salz chauffierte, wurde mir klar, dass für viele Mitmenschen das neue Jahr nichts Neues bringen wird, außer weiterer Beschwerden. Der Mann wünschte mir zum Abschied noch: „Gut’n Rutsch und ’ne bessere Gesundheit wie ich’se hab'“.
In zwanzig Metern Entfernung stand eine Frau mit ihrer achtjährigen Tochter und zog in hoher Frequenz an ihrem Glimmstängel. Sie hatte eine sehr unreines und ernst wirkendes Gesicht. Durch die klare und kalte Winterluft merkte ich, wie ich passiv mitrauche. Sie schien versunken in ihren Gedanken, ging nicht auf die Fragen ihrer Tochter ein.
Sollten mich solche Begegnungen pessimistisch stimmen? So unmittelbar vor dem Jahreswechsel? Menschen, die in unserer Gesellschaft hängen, wie im luftleeren Raum, existent aber nicht zufrieden mit ihrer Anwesenheit, anfällig gegen kleinste Veränderungen und damit ignorant gegenüber dringender Erneuerungen. Wie viele Menschen erwarten einfach nichts Neues von der Zukunft, aus Angst, dass es noch weiter in die falsche Richtung geht? Wie viele rutschen allein und hoffnungslos ins neue Jahr? Wie viele Menschen bedauern sich selbst und die folgenden Generationen.
Für mich bedeutet die Zukunft in jedem Fall eine Chance für jeden Einzelnen. Die Zeit auf Erden muss unbedingt für krasse Sachen genutzt werden. Das neue Jahr bringt erstmal neues Leben und neuen Lärm in die Bude. Und damit auch den nötigen Optimismus.

Don Sancho

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Geschmacklose Tage

3. Dezember 2009

Früh am Morgen den Duft von Croissants und Kaffee in der Nase, mittags eine fruchtige Tomatensoße an die Pasta zaubern und spät am Abend noch ein Eis mit Sahne und Pfirsich genießen, das ist alles seit Tagen undenkbar.
Ein fieser Schnupfen hat alle Teile des Mundgroßraumes, die irgendwie etwas mit der Reizweitergabe von Duft- und Geschmacksstoffen an das Gehirn zu tun haben, ohne zu fragen ausgeschaltet. Allerdings auf eine unüblich krasse Art und Weise, die sich einen orientierungslos und behindert fühlen lässt. Die Straßen stinken nicht mehr, man selbst auch nicht, man riecht nicht, ob Lebensmittel verdorben sind oder ob man sich vielleicht mal die Nase zuhalten sollte, weil zwei Blocks weiter die Jauchejungs ihr Rohr anlegen.
Gemein ist auch, dass dadurch der Appetit vollkommen aussetzt. Man isst nicht mehr weil man Lust darauf hat, denn man weiß ja schon vorher, dass es einem geschmacksneutral die Kehle runterrutschen wird. Egal ob versalzen oder viel zu süß, es wird jegliche Nahrung einfach nur zur Tilgung des Hungergefühls in den Mund gelegt und gekaut und heruntergeschluckt, ohne irgendeine tiefere Bedeutung, ohne einen ästhetischen Sinn. Sinnlos.

Don Sancho

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Ein Frosch im Vakuum…

9. September 2009

… der zerplatzt wohlmöglich. Oder erstickt. Oder erst das eine, und dann das andere. Wie auch immer, es ist unangenehm. Und jeder tierliebende Musikliebhaber fragt sich, wer wohl so grauenhaft sein würde und einen unschuldigen rana mit dem Grauen des Vakuums konfrontiert. Die Antwort darauf ist so einfach und doch auch ein wenig skurril: der Frosch selbst.
Vollkommen unfreiwillig und doch letztlich selbst verschuldet fand ich mich nach etlichen Monaten in einer lebendigen, sich für mich täglich ändernden Parallelwelt, plötzlich in diesem angsteinflößenden Vakuum wieder. Vorgewarnt und trotzdem verwirrt, suchte ich nach der undichten Stelle, nach dem Spalt, der mich mit Luft aus der Welt versorgen sollte, in die ich doch eigentlich zurück wollte. Die Suche ist erschwerlich aber durchaus lohnenswert. Denn früher oder später führt sie zum Erfolg. Und das bedeutet Leben, Durchatmen, Aufstehen und Weitergehen – oder besser Rausgehen, aus dem Vakuum und Reingehen in die eigentliche Realität. Und das ist befreiend. Das ist schön.
Die Kunst des Reisens besteht somit nicht nur darin, die Reise an sich zu meistern, sondern ebenso auch die Heimkehr.

Don Pancho

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Die Frage nach der Schnittmenge

14. August 2009

Irgendwie bin ich langsam angekommen, in dieser Parallelwelt, die unserer so ähnlich, und trotzdem so verdammt anders ist. Ich werde jeden Tag davon überrascht, wie hier alles funktioniert. Auf den ersten Blick scheint es organiseirt und geplant, aber eigentlich hängt alles vom Zufall und einer Laune ab. Der Laune, den Tag so gut wie es geht um die Runden zu bringen, mit ein wenig Erfolg und ohne Ärger, um abends entspannt Tee mit seinen Liebsten trinken zu können.
In diesem Punkt überschneiden sich die beiden Welten: Die verzweifelte Suche nach Erfolg. Nur dass hier Erfolg in vielerlei Hinsicht kleingeschrieben wird.

Don Sancho

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U-Bahn-Beobachtungen

27. Mai 2009

Mein Kopf ist schwer, der Arbeitstag war lang. Nicht länger als sonst, trotzdem will ich nach Hause. Die Bahn ist wie jeden Feierabend voll von Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, und die ich aller Voraussicht nach auch nie wieder sehen werde. Was heißt sehen? Ihre Gesichter sind genau wie meines in Bücher oder auch in Zeitungen oder Schundblättern versunken und kapseln den Leser von seiner momentan relativ beengenden Außenwelt ab. Mancheiner starrt auch einfach nur ins Leere und denkt an nichts und ist froh, den Tag zu gut drei Vierteln gemeistert zu haben. Draußen weht ein laues Lüftchen doch im Waggon steht noch immer die dicke Luft der letzten Woche. Das Mädchen gegenüber hat die Kopfhörer auf volle Pulle. 2Raumwohnung. Zwei von Millionen von Sternen. Netter Song, denk ich mir, lange nicht gehört, und trotzdem geht sie mir damit irgendwie auf den Keks. Der Schäferhund mit dem Maulkorb neben mir schaut mich mit großen schwarzen Augen an. Ich hoffe, dass ich ihn nicht beunruhige. Oder seinen glatzköpfigen Besitzer. Das Buch ist ganz witzig, hoffentlich behalte ich im Gefühl, wie viele Stationen es noch sind bis ich aussteigen muss.

Don Sancho

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Froschwandering

6. April 2009

Dieser Vers ist für alle Froschamigos da draußen, die jede Nacht einen unfairen Wettstreit antreten müssen…

Froschwandering

Sie wandern wieder spät am Abend,
Dort wo keiner sie erspäht.
Über aufgeheizten Asphalt,
Es abermals auf Reisen geht.

Ahnungslos und unbekümmert,
Harmone lenken ihre Beine.
Ums Paradies der andern Seite,
Drehen sich die Unkenträume.

Jeden Lenz das gleiche Drama,
Jedes Jahr die selbe Schicht.
Erst hörn sie Motorngeräusche,
Zuletzt sehn sie ein gleißend‘ Licht.

Don Sancho Batería